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Geschichtsunterricht einmal anders: Erkundendes Lernen – hier im LWL-Römermuseum in Haltern am See. Foto: LWL/Hähnel

Raum für „geschichtskulturelle Realerfahrungen“

Außerschulisches Lernen im Geschichtsunterricht – Gespräch mit dem Münsteraner Geschichtsdidaktiker Dr. Martin Schlutow

Münster – Im Museum oder im Archiv, während einer Exkursion in die nähere Umgebung oder beim Besuch einer Gedenkstätte – erkundender Geschichtsunterricht ist facettenreich und ermöglicht die Begegnung mit originalen Quellen. Wir haben mit Dr. Martin Schlutow, Dozent für Geschichtsdidaktik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, über außerschulisches Lernen im Fach Geschichte und seinen Stellenwert in der Lehramtsausbildung gesprochen.


Katharina Schunck: Was macht gerade für das Fach Geschichte den Einbezug außerschulischer Lernorte in den Unterricht so interessant?

Martin Schlutow: Im Fach Geschichte stehen Lernende und Lehrende gleichermaßen vor der Herausforderung, dass ihnen der Unterrichtsgegenstand nur abstrakt, im Sinne eines Konstruktionsprozesses, gegenwärtig wird. Anders als naturwissenschaftliche Fächer, die zum Beispiel durch Experimente den Schülerinnen und Schüler einen unmittelbaren Zugang zu den thematisierten Phänomenen ermöglichen, bietet der Geschichtsunterricht keine Gelegenheit, Realerfahrungen zu machen. Umso wichtiger ist es deshalb, außerschulische Lernorte in den Geschichtsunterricht einzubinden, denn die historischen Orte und verschiedenen Medien und Institutionen der Geschichtskultur können die Lernenden dazu anregen, zwar nicht Geschichte selbst, aber zumindest ihre Überreste zu erkunden und „geschichtskulturelle Realerfahrungen“ zu machen, wie Hilke Günther-Arndt zu Recht betont.

Schunck: Welche Rolle spielt der Aspekt des außerschulischen Lernens in der Ausbildung junger Geschichtslehrer und -lehrerinnen?

Schlutow: An der WWU Münster weisen wir in allen Lehramtsstudiengängen des Faches Geschichte der Auseinandersetzung mit Geschichtskultur und außerschulischen Lernorten eine große Bedeutung zu. Angehende Geschichtslehrkräfte an Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen besuchen beispielsweise schon in ihrer Bachelorphase eine Übung, die sich explizit dem historischen Lernen an außerschulischen Lernorten widmet. Aber auch in den übrigen Studiengängen und Veranstaltungen stellen wir am Institut für Didaktik der Geschichte vielfältige Ansätze zur Analyse, Reflexion und Nutzung geschichtskultureller Angebote her. Ich bin der Überzeugung, dass die künftigen Geschichtslehrerinnen und -lehrer hiervon in mehrfacher Hinsicht profitieren, da es ihnen – über die bereits genannten Vorzüge des „erkundenden Geschichtsunterrichts“ hinaus – dabei helfen kann, Gegenwarts- und Lebensweltbezüge in ihren Unterricht zu integrieren und den Schülerinnen und Schülern anregende Impulse für die Bildung von Sach- und Werturteilen zu geben.

Schunck: In Zusammenarbeit mit der Münsteraner Zentralredaktion der Pädagogischen Landkarte haben Sie im vergangenen Sommersemester eine Übung zum Thema außerschulische Lernorte im Geschichtsunterricht angeboten. Welche Ziele verfolgte die Veranstaltung?

Schlutow: Grundsätzlich biete ich wegen der vielfältigen Potentiale außerschulischer Lernorte für den Geschichtsunterricht regelmäßig Lehrveranstaltungen zu diesem Themenkomplex an. Wenn Studierende die Kenntnisse und Fähigkeiten, die sie in solchen Veranstaltungen erwerben, aber auch später – im Referendariat und darüber hinaus – nutzen wollen, müssen sie hierfür über die Existenz und die Angebote außerschulischer Lernorte in der näheren Umgebung ihrer Schule informiert sein. Gerade wenn angehende Geschichtslehrkräfte nach Beendigung ihres Studiums Münster verlassen und in eine neue Stadt ziehen, kann ihnen die Pädagogische Landkarte hierbei eine wertvolle Unterstützung bieten. Mit der Übung, die ich letztes Sommersemester angeboten habe, sollten dementsprechend drei Ziele erreicht werden: Erstens ging es ganz grundlegend darum, die Pädagogische Landkarte und ihre Nutzung kennenzulernen sowie Potentiale und Grenzen des Formats zu diskutieren. Zweitens haben wir im Rahmen der Übung zwei kleinere Lernorte innerhalb Münsters besucht, deren Darstellung auf der Pädagogischen Landkarte untersucht und die Potentiale historischer Lernorte für den Geschichtsunterricht auf diesem Wege in einem exemplarischen Zugriff erörtert. Hierbei handelte es sich zum einen um das Lepramuseum in Münster Kinderhaus,  das mit seiner Kombination aus erhaltenen historischen Gebäuden und einer kleinen historischen Ausstellung einen spannenden Einblick in einen Aspekt der Münsteraner Sozialgeschichte bietet, und zum anderen um das Torhaus als Relikt der Münsteraner Stadtbefestigung und heutigem Sitz des Stadtheimatbundes Münster. Drittens sollte es in der Übung aber nicht nur um den Besuch dieser historischen Lernorte gehen, sondern auch um das eigenständige Entwickeln von Angeboten zu ihrer Nutzung. Hierfür haben wir auf die App BIPARCOURS zurückgegriffen, über die in diesem Blog ja bereits informiert wurde. Aufgabe der Studierenden war es, einen BIPARCOURS zu erstellen, der es Schülerinnen und Schülern ermöglicht, die „historische“ Innenstadt Münsters zu erkunden und das bislang von Schulklassen selten besuchte Torhaus als Ort historischen Lernens zu erschließen.


Im Rahmen der Übung „Außerschulische Lernorte interaktiv“ im Sommersemester 2017 entwickelten Lehramtstudierende der Westfälischen Wilhelms-Universität einen BIPARCOURS, der zu verschiedenen Stationen im historischen Stadtkern Münsters führt. Der Parcours soll Schülerinnen und Schüler zur Reflexion anregen: Was ist in der Münsteraner Altstadt tatsächlich original und was bloße Replikation? Aus dem Jahr 1778 stammt beispielsweise das Torhaus am Neutor, in dem heute der Stadtheimatbund seine Geschäftsstelle eingerichtet hat (Foto).

Zum BIPARCOURS gelangen Sie über den obenstehenden QR-Code oder über diesen Link.


Schunck: Wie bewerten Sie bzw. die Studierenden die App BIPARCOURS als Instrument im Geschichtsunterricht?

Schlutow: Wenn es sich um die Nutzung bereits existierender Angebote der App handelt, fällt mein Urteil ambivalent aus. Sicher ist es für Schülerinnen und Schüler eine willkommene Abwechslung, im Geschichtsunterricht digitale Medien zu nutzen. Und auch der Wettbewerbs- und Rätselcharakter der App dürfte sich motivational günstig auswirken. Allerdings haben meine Studierenden bei der Erstellung ihres eigenen BIPARCOURS recht schnell festgestellt, dass das Programm durch die starren Vorgaben von Aufgabenformaten nur bedingt dazu geeignet ist, eigenständiges historisches Denken anzuregen. Schließlich sind die zu erstellenden Aufgaben überwiegend geschlossen und/oder verharren auf reproduktiver Ebene, um eine Bepunktung der Lösungen zu erleichtern. Umso größeres Potential sehe ich in der App aber, wenn Lernende dazu aufgefordert werden, einen eigenen BIPARCOURS zu erstellen. Dies dürfte nicht nur zu einer vertieften inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Lernort führen, sondern lässt Schülerinnen und Schüler auch darüber nachdenken, welche Ziele historischen Lernens sie mit der Formulierung ihrer Aufgaben verfolgen. Nicht zuletzt müssen sie aber auch eine Erzählung entwickeln, die die späteren Nutzer ihres BIPARCOURS zu den einzelnen Stationen und Aufgaben führt, so dass die Lernenden mit dem Programm auch ihre narrative Kompetenz schulen können.

Schunck: Die App kann von Lehrkräften und Schulklassen auch losgelöst von bestimmten Lernorten genutzt werden. Gibt es dennoch Gründe bei der Nutzung der App an die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern zu denken?

Schlutow: Aus meiner Sicht ist die App geradezu dafür prädestiniert, sie in Zusammenarbeit mit außerschulischen Lernorten – und nicht losgelöst davon – einzusetzen. Grundsätzlich regt sie mit den zu programmierenden Suchaufträgen zum Erkunden des Lernortes und seiner Umgebung an und verlangt ein genaues Hinsehen, so zum Beispiel bei der Beschäftigung mit historischen Gebäuden in einer Stadt oder mit historischen Objekten in einem Museum. Sollen Schülerinnen und Schüler entsprechende BIPARCOURS selbst entwickeln, sind sie in der Regel aber auf Informationen, evtl. auch auf ergänzende Quellen und Darstellungen zum jeweiligen Lernort, zum Gebäude, zu einzelnen Objekten etc. angewiesen. Experten für diese Lernorte sind jedoch nicht die Lehrkräfte, sondern die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „vor Ort“, weshalb ich empfehle, diese Expertise auch zu nutzen.


Dr. Martin Schlutow ist als Studienrat im Hochschuldienst am Institut für Didaktik der Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster tätig. In Forschung und Lehre beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem historischen Museum, dem Verhältnis von Sprache(n) und historischem Lernen und dem forschenden Lernen im Geschichtsunterricht. Als ausgebildeter Englisch- und Geschichtslehrer ist ihm dabei die Verbindung zur Praxis wichtig.


Literaturempfehlungen zum Thema:

Hilke Günther-Arndt: Methodik des Geschichtsunterrichts. In: Dies./Meik Zülsdorf-Kersting (Hrsg.): Geschichts-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. 6., überarb. Neuaufl. Berlin 2014, S. 158-204

Bernd Mütter/Bernd Schönemann/Uwe Uffelmann (Hrsg.): Geschichtskultur. Theorie – Empirie – Pragmatik. Weinheim 2000


Das Interview führte Katharina Schunck, die in der Zentralredaktion im LWL-Medienzentrum für Westfalen den westfälischen Teil der  Pädagogischen Landkarte NRW betreut.

Publikationsdatum: 12.12.2017

Themen: Praxistipps, außerschulisch Lernen, Veranstaltungen