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"Die Mutter ist auch für den Vater da"

Mann und Frau in Schulbüchern der Jahre 1950 bis 1980

Dortmund – „Die Mutter ist auch für deinen Vater da“, heißt es in einem Aufklärungsheft für Erst- und Zweitklässler aus dem Jahre 1970. Die Mutter ist für andere da. Für die Kinder, für den Vater. Auch für sich? Eher nicht. Wie das Bild von Mann und Frau in Fibeln und anderen Schulbüchern der 1950er und 60er Jahren aussah und wie es sich in den 1970er Jahren änderte, zeigt eine neue Ausstellung des Westfälischen Schulmuseums. Wir machen einen kleinen Rundgang:

  • Schick frisiert und geschminkt im Stil der Zeit, trägt die „moderne“ Mutter auf dem Bild aus einer Schulfibel von 1968 doch das unvermeidliche Kleidungsstück, an dem Mütter in allen Fibeln der 1950er und 60er Jahre zu erkennen sind: eine Schürze. Auch der Vater auf dem Bild folgt dem Dresscode der Zeit und trägt das typische Accessoir aller Fibel-Väter: die Krawatte. Seriös gekleidet macht sich der Mann auf den Weg ins feindliche (Berufs-)Leben.

    Genaue Literturangaben zu den Fotos in der Slideshow am Ende des Artikels.

  • Und wenn der Vater abends zurückkehrt, liest er Zeitung. Nichts – außer der Krawatte – ist so typisch für den Vater wie das Zeitunglesen nach Feierabend. Während Mutter zum Beispiel das Essen aufträgt, wie auf diesem Bild aus einer Fibel von 1966 – Mutter hat nämlich keinen Feierabend.

  • Auf diesem Bild aus einer Fibel von 1957 sitzt der Vater Zeitung lesend mit den Söhnen auf dem Sofa, während auf der Fibelseite daneben...

  • ... Mutter und Tochter gemeinsam Geschirr spülen.

  • Diese Geschlechtertrennung ist ebenfalls typisch. Während der Sohn dem Vater auf einem Fibelbild von 1966 beim Autowaschen hilft,...

  • ... stehen Mutter und Tochter auf der Fibelseite nebenan an der Badewanne und waschen das kleine Töchterchen Uta und die Puppe Moni.

  • Wenn die Mutter die Kinder zu Bett bringt, winkt der Vater – in einer Fibel aus der Zeit um 1962 – nur aus sicherer Distanz von der Türe her.

  • In derselben Fibel findet sich auch das Bild des Zeitung lesenden Vaters, der durchs Fenster zuschaut, wie Mutter und Tochter in den Garten eilen, um wegen des einsetzenden Regens die Wäsche von der Leine zu nehmen. In einer Ausgabe der Fibel beginnt der Text unter dem Bild mit den Sätzen „Der Vater guckt aus dem Fenster. Mutter, Inge! Es fängt an zu regnen!“

  • Der Wandel im Bild von Mann und Frau in den Schulbüchern der Jahre 1950-1980, um den es laut Untertitel ja auch in der Ausstellung geht, setzt im Laufe der 70er Jahre ein. Frauen sollen nicht länger „Heimchen am Herd“ sein, Männern nicht mehr Freiheiten zustehen als Frauen. In den Schulbüchern tauchen Väter auf, die Babys wickeln, Kinder baden – oder im Haushalt helfen, wie der bärtige junge Mann, der schon mal den Backofen anheizt, während seine Frau im Overall mit der Tochter den Kuchenteig anrührt, aus einem „Erstlese- und Sachbuch“ von 1975.

  • In einem Biologiebuch von 1971 ist der Bildunterschrift zum Foto eines minderjährigen Paares zu entnehmen, dass es „ein persönlicher Entschluß der beiden Partner“ sei, „ob und wann junge Leute sexuelle Beziehungen zueinander aufnehmen“. Das wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen – ebenso wie die freizügigen Abbildungen zum Thema "Liebe" in Heften für Erstklässler.

  • In diesem Beitrag aus einem Sachunterrichtsbuch aus dem Jahr 1977 wird nicht nur ein Junge beim Spielen mit Puppen gezeigt, im Text regt das Werk auch explizit die Schülerinnen und Schüler zum hinterfragen gängiger Geschlechterbilder an.

Ein besonderes Angebot zur Ausstellung macht das Museum Schülern und Schülerinnen der gymnasialen Oberstufe – oder besser deren Lehrkräften, die sich als Quizmaster betätigen, indem sie in 6 Quizrunden 3 SchülerInnen-Gruppen gegeneinander antreten lassen. Im Vordergrund stehen die Jahre 1967/68. Die „Kandidaten" und "Kandidatinnen“ erkunden mit einem bunt bebilderten Aufgabenheft die Ausstellung, müssen „Fehlstellen“ auf Seiten einer Fibel von 1966 ebenso ergänzen wie fehlende Worte in kleinen Texten aus oder zu den Jahren 67/68, einem Text zum „Summer of Love“ der Hippies 1967 die Bilder zuordnen, eine BRAVO von 1968 nach Tipps für Mädchen und Jungen durchsehen und ein paar Fragen zur HAIR-Premiere 1968 beantworten. Dazu gibt es Musik von den Beatles, Heintje, Scott McKenzie und aus HAARE, dem deutschen HAIR. Auf Wunsch gesellt sich auch Museumsleiter Rüdiger Wulf hinzu und gibt Auskunft zu Sinn und Zweck der Ausstellung – als Ausstellungsmacher wie als 1954 geborener Zeitzeuge …    

Die Ausstellung läuft noch bis einschließlich 15. Juli 2018 im Westfälischen Schulmuseum, An der Wasserburg 1, in 44379 Dortmund-Marten. Geöffnet sind Ausstellung und Museum dienstags bis sonntags von 10-17 Uhr. Schulklassen und Kurse können nach Anmeldung auch montags kommen. Der Eintritt ist frei, das Angebot für die gymnasiale Oberstufe kostenlos. Weitere Informationen erhalten Sie unter der Telefonnummer: 0231-613095. Hier können Sie sich auch mit Ihrer Klasse anmelden.

Weitere Lernangebote des Westfälischen Schulmuseum finden Sie auf der Pädagogischen Landkarte NRW.

 

Text: Rüdiger Wulf

Titelbild: August und Karl Vaupel. Peter und die andern. Fibel auf ganzheitlicher Grundlage. Künstlerische Buchgestaltung: Winnie Gebhardt-Gayler. Um 1962. Bilder in Slideshow: Bild 1 – Bernhard Schreiber: Die Hagemann-Fibel. Bilder: Werner Moritz/Anke Möhring. 1968; Bild 2 – Moni und Udo. Eine Lesefibel auf der Grundlage des natürlichen Lesenlernens. Bearb. von einem pädagogischen Arbeitskreis. Bilder: Hanns und Maria Mannhart. 1966; Bild 3 und 4 – Josef Schölling (Hg.): Komm, wir lesen. Aschendorffs Ganzheits-Fibel. 1. Teil. Bilder: Reinhard Herrmann/Ulla Rottmann, 4. Aufl. 1957;  Bilder 5 und 6 – Gerhard Bethlehem/Hans Jacobs (Hg.): Fangt fröhlich an! Eine Fibel zum Lesen- und Schreibenlernen. Zeichnungen: Herbert Mende. 1966;  Bilder 7 und 8 – August und Karl Vaupel. Peter und die andern. Fibel auf ganzheitlicher Grundlage. Künstlerische Buchgestaltung: Winnie Gebhardt-Gayler. Um 1962;  Bild 9 – Kunibert Dellweg u.a.: Nummer 1. Erstlese- und Sachbuch. Illustration: Wilfried Blecher/HÜGEMO/E.+G. Morgenstern-Hübner/Wilhelm Schlote. 1975; Bild 10 – R. Fröhlingsdorf u.a.: Die beiden Geschlechter. Sexualerziehung in der Grundschule - soziale und biologische Aspekte. Sach- und Arbeitsheft für das 1. Schuljahr. Fotos: W. Arnhold/G. Romann. 1973; Bild 11 – Diethelm Düsterloh/Gerhard Glombek/Walter Popp (Hg.): Umwelt erkunden 4. Sachunterricht im 4. Schuljahr. Foto auf der abgebildeten Seite: Gernot Lerche. 1977.

Publikationsdatum: 06.10.2017

Themen: Lernort-Portraits